Montag, 16. Mai 2016

Marcello Mastroianni – Kein Latin Lover


Für Sophia Loren war Marcello Mastroianni ein „Latin Lover“. Das sagte sie in den 70ern in der Talkshow von Dick Cavett, als das legendäre Filmpaar dort eingeladen war. Daraufhin sah Mastroianni sie etwas gequält an und widersprach. „Latin Lover“, das hätte etwas mit „Liebesmaschine“ zu tun und seine „Maschine“ funktioniere so nicht. Hinter diesen Worten steckte mehr als eine scherzhafte Auseinandersetzung zwischen zwei alten Freunden. Denn es war genau dieses Image, gegen das Mastroianni Zeit seines Lebens ankämpfte. Wenn auch nicht mit sehr viel Erfolg, wie er selbst zugab. Aber gleich nach seinem großen internationalen Durchbruch mit Federico Fellinis „Das süße Leben“ („La dolce vita“, 1960) versuchte er, dieser Standardvorstellung des gutaussehenden und immer erfolgreichen chronischen Verführers mit der Rolle eines impotenten Frauenhelden in Mauro Bologninis „Bel Antonio“ („Il Bell'Antonio“, 1960) entgegenzutreten. Überhaupt war es ihm während seiner ganzen langen Karriere wichtig, sich nie festlegen zu lassen. Er wollte Schauspieler sein, kein auf einen Typus reduzierter Star. Und das wäre ihm in Hollywood passiert, wenn er die entsprechenden Angebote angenommen hätte. Aber auch so war er weltberühmt, war vor allem in den 60ern und 70ern das männliche Aushängeschild des italienischen Kinos.


Die Anfänge


Schauspieler wollte er schon von klein auf werden. 1938, als 14-Jähriger, begann er, in den Studios von Cinecittà als Statist zu arbeiten. Nach dem Krieg wirkte er in der Theatergruppe der Uni mit. Die wichtigsten Lehrjahre hatte er bei Luchino Viscontis Truppe, zu der er 1948 stieß. Als sein erster richtiger Film gilt Ricardo Fredas Hugo-Verfilmung „Die Elenden“ („I Miserabili“, 1948). Neben der intensiven Theaterarbeit folgten Jahre mit vielen weiteren Nebenrollen und oft nur ein paar Drehtagen, sodass er selbst keine großen Erinnerungen an die Filme hatte. Regelmäßig spielte er den naiven und gutherzigen Arbeiter, oft einen Taxifahrer, später kam der typische Mittelklasseitaliener hinzu. Seine beiden wichtigsten Filmregisseure der 50er waren der Meister des stillen Alltagsrealismus, Luciano Emmer, und Alessandro Blasetti, bei dem er Mitte der 50er in zwei klassischen Komödien neben Sophia Loren spielte.


Fellini und die Freude am Spielen


Mit dem Journalisten in „Das süße Leben“, der sich im Kreise der Reichen und Schönen bewegt und am Ende des Films seine Seele verloren hat, begann die Zusammenarbeit mit Federico Fellini. Vier Spielfilme drehten die beiden gemeinsam. „Achteinhalb („8 1/2“, 1963) handelt von einen privat und beruflich verwirrten Regisseur, der nicht weiß, was in seinem nächsten Film passieren soll. In „Die Stadt der Frauen“ („La città delle donne“, 1980) irrt ein Mann durch die Welt der ebenso bedrohlichen wie anziehenden Welt der Weiblichkeit und des modernen Feminismus. Und „Ginger und Fred“ („Ginger et Fred“, 1985), mit Giulietta Masina, ist Fellinis wunderbare Hommage an seine beiden wichtigsten Hauptdarsteller und das klassische Hollywood. Mastroianni liebte die Arbeit mit Fellini, wie er sich überhaupt gerne, ohne Drehbuchlektüre, ganz auf seine Charaktere und das Universum des jeweiligen Regisseurs einließ. Und Fellini wiederum war mehr als dankbar für einen bereitwilligen Schauspieler ohne vorgefasste Auffassungen. Die beiden hatten eine fast symbiotische Zusammenarbeit, so ist die Hauptfigur in „Achteinhalb“ sowohl ein Selbstporträt Fellinis als auch direkt inspiriert von Mastroianni. Für diesen war das Schauspielen ein wirkliches Spiel. Er bevorzugte den französischen Ausdruck „jouer“ vor dem italienischen „recitare“, wo die Betonung auf das Wort gelegt wird. So passen auch seine ihm nachgesagte Faulheit und eine Filmografie von etwa 170 Filmen zusammen. Er betrachtete es nicht als Arbeit, es war ein Vergnügen, ein Privileg. Egal, wie überzeugend und perfekt er in einer Rolle ist, man bewundert nie die Leistung im Sinne von Anstrengung, denn er wirkt gerade so unangestrengt, so natürlich, dass es ein Vergnügen ist, ihm zuzuschauen.


Lieblingsregisseure


Mit manchen Regisseuren arbeitete Mastroianni immer wieder. Vittorio de Sica war es, der ihn in „Gestern, heute, morgen“ („Ieri, oggi, domani“, 1963) nach acht Jahren wieder mit Sophia Loren vereinte. Mastroianni fühlte sich auch wohl in dem eigenwilligen und anarchischen Universum von Marco Ferreri. In dessen „Affentraum“ („Ciao maschio“, 1978) hatte er eine seiner Lieblingsrollen, spielte einen einsamen Exil-Italiener in New York. Er verkörperte oft solche Figuren voller Melancholie und Verlorenheit, die aber auch zu Gewalt fähig sind, so wie der verliebte lockenköpfige Maurer in Ettore Scolas „Eifersucht auf Italienisch“ („Dramma della gelosia“, 1970). Scola verdankte er eine seiner schönsten Rollen, die des unter dem Faschismus leidenden, homosexuellen Radiosprechers in „Ein besonderer Tag“ („Una giornata particulare“, 1977). Oder Mario Monicelli: Ihre beste Zusammenarbeit wurde der großartige „Die Peitsche im Genick („I Compagni“, 1963), in dem Mastroianni einen ebenso stillen wie leidensfähigen und fanatischen Arbeiterführer spielt. Mit seinem Förderer Luchino Visconti drehte er zwei schöne Literatur-Verfilmungen, die aber leider beide bei ihrer Premiere nicht den verdienten Erfolg fanden: „Weiße Nächte“ („Le notti bianche“, 1957) nach Dostojewski und „Der Fremde“ („Lo Straniero“, 1967) nach Camus.


Wandlungsfähigkeit und das wirkliche Leben


Mastroiannis Filmographie zeigt nicht nur seine ungeheure Wandlungsfähigkeit, sondern auch den Willen, ständig völlig andere Wege zu gehen. Er schreckte nicht vor schrägen, absurden, ja perversen Rollen zurück, beispielsweise die des sexsüchtigen Piloten in Ferreris selbstmörderischer Orgie „Das große Fressen“ („La grande bouffe“, 1973), wo jener am Ende in einem frisch reparierten Oldtimer erfriert. Bei Jacques Demy spielte er in „Die Umstandshose“ („L'évènement le plus iumportant depuis que l'homme a marché sur la lune“, 1973) einen Fahrlehrer, bei dem eine Schwangerschaft festgestellt wird. Und immer wieder demontierte er mit Freude die Klischees über den italienischen Mann. Der gequälte Ehemann in Pietro Germis „Scheidung auf Italienisch“ („Divorzio all' italiana“, 1961) inszeniert einen Mord aus Eifersucht, um hinterher von seiner neuen, jüngeren Ehefrau betrogen zu werden. In Monicellis „Casanova '70“ (1965) kommt ein NATO-General nur durch Lebensgefahr in die notwendige erotische Stimmung. Mastroianni selbst schien diese Freude am Erkunden immer neuer Charaktere direkt als Flucht, so „dass man fast den Eindruck hat, man würde vor dem wirklichen Leben davonlaufen. Man versteckt sich hinter Personen, Geschichten, das Leben allerdings, das wirkliche ...“. Er war, trotz vieler Frauen, bis zu seinem Tod verheiratet mit der Schauspielerin Flora Carabella. Gemeinsam hatten sie die Tochter Barbara. Anfang der 70er war er mit Catherine Deneuve zusammen. Da begann auch seine Zugehörigkeit zum französischen Kino. Paris wurde nach Rom seine zweite Heimat. Mit der Deneuve hatte er ebenfalls eine Tochter, die Schauspielerin Chiara Mastroianni. Manchmal beneidete er seinen Bruder Ruggero, der zwar auch beim Film arbeitete, aber hinter den Kulissen beim Schnitt – und mit einer passenden Distanz zu dem ganzen glamourösen Illusionstheater.


Der Reisende


Der allmähliche Niedergang des italienischen Kinos in den 80ern betraf natürlich auch Mastroianni. Aber anstatt bloß internationalen Großproduktionen mit seinem Namen Glanz zu verleihen, wurde er eine Art Weltenwanderer des damaligen Autorenkinos. Mastroianni entdeckte fremde Landschaften, fremde Sprachen, nahm bewusst Rollenangebote an, die ihm dies ermöglichten. Das schönste Resultat ist vielleicht „Schwarze Augen“ („Oci ciorne“, 1986) des Russen Nikita Michalkow, mit dem Mastroianni die geistige Nähe zu Anton Tschechow verband. Bei Angelopoulos sprach er für „Der Bienenzüchter“ („O Melissokomos“, 1986) sogar seinen eigenen Dialog in Griechisch ein und legte sich für die Sterbeszene mitten zwischen wütende Bienenschwärme. Oder er arbeitete mit dem Portugiesen Manoel de Oliveira. Und dabei rauchte er immer weiter. Etwa 50 Zigaretten pro Tag: Das mache in mehr als 50 Jahren über eine Million, womit man den Himmel über Rom verdunkeln könne, wie er es in einem Interview formulierte, das 1998 unter dem Buchtitel „Ja, ich erinnere mich“ („Mi ricordi, sì mi ricordo“, 1997) auch auf Deutsch erschien. Marcello Mastroianni starb 1996 an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Geschrieben von Martin Abraham 
Externer Autor für www.italien-mag.de in der Kategorie italienisches Kino


Next
This is the most recent post.
Älterer Post
  • Blogger Comments
  • Facebook Comments

0 Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Item Reviewed: Marcello Mastroianni – Kein Latin Lover Rating: 5 Reviewed By: Giovanni Malfitano
Scroll to Top