Montag, 25. Januar 2016

Sophia Loren – Stark und zerbrechlich

Sophia Loren

„Stark und zerbrechlich“, so charakterisiert Sophia Loren sich selbst in ihrer zweiten Autobiographie „Mein Leben“ („Ieri, oggi, domani. La mia vita“, 2014), die es seit Ende letzten Jahres auch in einer preiswerten deutschen Taschenbuchausgabe gibt. Dass sich hinter einem Schutzwall aus Zurückhaltung und Schüchternheit enorme Gefühle verbergen, die im normalen Leben nicht gezeigt werden, hatte zuerst Vittorio de Sica gespürt, der ihr 1954 zum großen Durchbruch verhalf und mit acht gemeinsamen Filmen ihr Lieblingsregisseur wurde. Und ihre denkwürdigsten Rollen sind auch diejenigen, in denen sie starke Gefühle zeigt oder temperantvoll hervorruft, ob verführerisch, aufreizend, kämpferisch, leidenschaftlich, stur, betrügerisch, verzweifelt, leidend oder dominant. Und so wurde sie unweigerlich zum Mittelpunkt ihrer Filme und brauchte einen männlichen Gegenpart, der mithalten konnte. Am besten klappte das mit Marcello Mastroianni, mit dem sie elf Filme drehte. Die Karriere von Sophia Loren fällt zusammen mit der Glanzzeit des italienischen Kinos nach dem Kriege, aber gewissermaßen nahm sie schon vor Sophias Geburt im Jahre 1934 ihren Anfang.




Kindheit in Pozzuoli

Ihre Mutter, Romilda Villani, aus dem 25 Kilometer westlich von Neapel gelegenen Pozzuoli, hatte mit 17 Jahren einen Greta-Garbo-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen, erhielt aber als noch Minderjährige von ihren Eltern nicht die Erlaubnis, den Preis, eine Reise nach Hollywood zu den Studios, anzunehmen. Das war ein herber Schlag. Endgültig aus war es dann mit den rosa Filmträumen, als sie eines Tages in Rom von einem gewissen Riccardo Scicolone auf der Straße angesprochen wurde, der sich als Produzent ausgab. Das Ergebnis war Sophia, später auch noch deren kleine Schwester Maria, aber heiraten wollte Riccardo nicht. Maria wollte er nicht mal seinen Namen geben, diese Gnade ließ er sich viel später von Sophias erster großer Gage fürstlich entlohnen. Die Mutter lebte mit den Töchtern bei der Oma in Pozzuoli, wo niemand Geld hatte und man die Armut daher nicht so sehr spürte.

Ihre enttäuschten Träume lebte die Mutter dann später durch Sophia aus, die lange ein dürres, hässliches Kind mit großen Augen gewesen war, was sich aber sehr plötzlich änderte, so dass die Mutter sie zu einer Schönheitskonkurrenz schleppte. Sophia, die als leidenschaftliche Kinogängerin durchaus heimliche Schauspielerinnenträume hegte, entdeckte zu ihrer Überraschung, dass auf der Bühne ihre ganze Nervosität wie weggeblasen war, sodass sie sich ungeniert und frei bewegen konnte. Romilda entschloss sich, mit der Tochter nach Rom zu gehen, denn dort wurden Statisten und Kleindarsteller für die US-Großproduktion „Quo vadis“ gesucht.

Jugend in Rom

Es war kein Erfolg über Nacht, der da auf Sophia wartete, sondern der Durchbruch war das Ergebnis unermüdlicher, zäher Bemühungen, die Mutter und Tochter von Produzent zu Produzent wandern ließen. Ein Einkommen wurde gesichert durch die Mitwirkung an den in Italien damals sehr beliebten Fotoromanen, für die es spezielle Zeitschriften gab. Schon 1950 lernte Sophia Loren, die da noch nicht so hieß, den Anwalt, Produzenten und späteren Ehemann Carlo Ponti kennen, der Probeaufnahmen von ihr machen ließ. Die Techniker beklagten da noch über eine ihrer Meinung nach ungeeignete Schauspielerin mit zu großer Nase und zu breitem Mund. Anfang der 50er spielte sie unzählige kleine, nach und nach größere, Rollen. Ein schöner Erfolg war die Hauptrolle in einer Verfilmung von Verdis „Aida“ (1953), bei der sie zu Renata Tebaldis Stimme die Lippen bewegte.

Aber die Sophia Loren, wie das Publikum sie kennen und lieben lernte, erschien erst auf der Leinwand in zwei wunderbaren Komödien der intelligenten und volkstümlichen Regisseure Vittorio de Sica und Alessandro Blasetti. In einem Teil des Episodenfilms „Das Gold von Neapel“ („L'Oro di Napoli“, 1954) spielt sie eine energische und äußerst attraktive neapolitanische Pizzabäckerin. In „Schade, dass du eine Kanaille bist“, („Peccato che sia una canaglia“, 1955) ist sie die ebenso reizende wie skrupellose Tochter eines Berufsgauners und treibt den armen und ehrlichen Marcello Mastroianni als Taxifahrer so sehr in den Wahnsinn, dass der gar nicht anders kann, als sich in die energische junge Dame zu verlieben: „Ich schlag dir den Kopf ein, wenn du nicht sagst, dass du mich liebst.“ Das dramatische Starvehikel „Die Frau vom Fluss“ („La donna del fiume, 1955) beförderte dann bewusst und erfolgreich ihren Ruhm als ernsthaftes Sexsymbol. Der New Yorker Kritiker Bosley Crowther nannte sie völlig ironiefrei ein „Denkmal zu Ehren des Sex“. Mit ähnlichen ihr gewidmeten, oft sehr poetischen Hymnen, nicht zuletzt auf ihre  Oberweite, könnte man vermutlich eine ganze Anthologie füllen. Aber bei ihr wird es nie künstlich. Glamour, Sex, Eleganz verbinden sich bei ihr mit Bodenständigkeit. So kann sie einem einfachen Mädchen natürlichen Glamour verleihen und einer eleganten Frau in Designerkleidung Natürlichkeit.

50er: Hollywood

Ponti wollte aus ihr auch einen internationalen Star machen und ließ sie in einem wahren Gewaltakt Englisch lernen. Sie bekam einen Hollywood-Vertrag und drehte von 1957 bis 1960 ausschließlich englischsprachige Filme. Zwar ging es etwas schwerfällig los mit Stanley Kramers zähem „Stolz und Leidenschaft“ („The Pride and the Passion“, 1957), wo sie gleich neben Frank Sinatra und Cary Grant spielen durfte. In Letzteren verliebte sie sich, entzog sich aber, zugunsten Pontis, seiner Heiratswünsche. Bemerkenswert ist die Liste der vielen soliden bis brillanten Regisseure, mit denen sie sofort arbeiten durfte: Negulesco, Hathaway, Cukor, Lumet, Curtiz. Zunächst spielte sie die typische, etwas klischeebeladene Mittelmeerschönheit: Spanierin, Griechin, nordafrikanische Zigeunerin. Zwei der besten Filme stammen interessanterweise aus England: Carol Reeds Melodrama „Der Schlüssel“ („The Key“, 1958) und Anthony Asquiths elegante Komödie „Die Millionärin“ („The Millionairess“, 1960). Sie nutzte professionell die Gelegenheit, in Zusammenarbeit mit Weltklassefilmleuten die verschiedensten Rollen zu spielen. Das gab ihr den letzten Schliff. Diese Souveränität und Subtilität, dieses internationale Flair nahm sie mit zurück in den italienischen Film.




60er: Ein Oscar für einen Weltstar

Endgültig ein Weltstar wurde sie mit dem Darstellerinnen-Oscar für de Sicas „Und dennoch leben sie“ („La Ciociara“, 1960), einem eigentlich für Anna Magnani konzipierten Projekt. Man verjüngte die Figur der Mutter und der Tochter einfach und sie spielte dann selbst die Mama, die ihr Kind durch die Schrecken des Zweiten Weltkrieges bringen muss. Hier wurde sie mit ihren Kindheitserinnerungen konfrontiert, als es im Krieg um das reine Überleben ging: Die Bombenangriffe auf Pozzuoli mit seinem Hafen und der Industrie. Der Kampf ums tägliche Brot, der die Mutter betteln ließ. Die betrunkenen marokkanischen Soldaten, die im Erdgeschoss schliefen und laut an die Wohnungstür klopften.

Die 60er bedeuteten in der Folge ein Hin und Her zwischen italienischen und internationalen Produktionen. Am denkwürdigsten sind sicher zwei Filme von de Sica: „Gestern, heute, morgen“ („Ieri, oggi e domani“, 1963), der eine berühmte Striptease-Szene enthält, und die Verfilmung des Volksstücks „Hochzeit auf Italienisch“ („Matrimonio all'italiana“, 1964), in dem sie Mastroianni zur Ehe zwingen will. Ein kleines Juwel ist auch Stanley Donens Agentenkomödie „Arabeske“ („Arabesque“, 1966), wo sie als ständig lügende Spionin diesmal Gregory Peck als Oxfordprofessor in den Wahnsinn treibt. Sehr erfreut und stolz war sie auch über die Zusammenarbeit mit Charlie Chaplin, der  nur ihretwegen ein altes, ursprünglich für Paulette Goddard gedachtes Projekt ausgegraben hatte: „Die Gräfin von Hongkong“ („A Countess from Hongkong“, 1966)




Der globale Weltstar

In den 70ern drehte sie weiterhin sowohl italienische Filme als auch internationale Großproduktionen. Über solides Unterhaltungskino hinaus ist vieles davon nicht erinnerungswürdig. Dabei ist es bezeichnend, dass die beiden interessantesten Filme dieses Jahrzehnts italienische Filme sind. „Die Frau des Priesters“ („La Moglie del prete“, 1970) ist eine antiklerikale Zölibats-Satire, in der sich ein von Mastroianni gespielter Priester als ganz gewöhnlicher und erbärmlicher Mann entpuppt, der die Karriere der Liebe vorzieht. Die Frau kann allenfalls Haushälterin werden, mit dem Segen der Kirche. In Ettore Scolas „Ein besonderer Tag“ („Una giornata particolare“, 1977) spielt Sophia Loren ihre vielleicht letzte wirklich grandiose, klassische Hauptrolle als müde und resignierte Hausfrau und Mutter während des italienischen Faschismus. Auch wenn man nicht ihr gewohntes elegant-glamouröses Auftreten kennen würde, fände man diese Verkörperung einer abgestumpften Frau, die hinter ihrer Fassade doch noch noch ein enormes Gefühlsreservoir verbirgt, mehr als bemerkenswert.

Ab den 80ern wurden Mutterrollen zu einer Spezialität. Sie machte viel Arbeit für das Fernsehen und fand in Lina Wertmüller eine neue Hausregisseurin. Am bekanntesten ist sicher ihre Rolle in Robert Altmans „Prêt-à-porter“ (1994), in dem sie sie und Mastroianni, dem fortgeschrittenen Alter angepasst, die Striptease-Szene aus „Gestern, heute und morgen“ wiederholen.


Glamour, Kochen, Mama, Oma

Hatte sie Ende 2000 noch in einem Interview erzählt, dass sie gerne Oma werden würde, dass das die „Krönung“ ihres „Daseins als Mutter“ wäre, konnte sie ihre zweite Autobiographie genau damit beginnen: Wie sie das Weihnachtsessen vorbereitet und die kleinen Kinder durchs Haus toben. Sie brachte ja auch einige anekdotische Kochbücher heraus und war, auch durch mehrere Wohnsitze in verschiedenen Ländern, eine ständige Präsenz im internationalen Show- und Modegeschäft. Im Mittelpunkt der Presse stand sie ja sowieso, ob es da nun um die juristischen Probleme ging, den schon verheirateten Ponti zu ehelichen, die Schwierigkeiten endlich Mutter zu werden, die Geburt der Söhne Carlo jr. und Edoardo, die oft bösartigen Spekulationen über die Ehe mit dem weitaus älteren Ponti oder der Ärger mit dem italienischen Fiskus, der ihr sogar eine 30-tägige Gefängnisstrafe einbrachte.

Eine verschlossene Diva

Liest man beide Autobiographien, die erste „Sophia – Living and Loving“ ist von 1979, hintereinander, so ist dies einerseits ein wenig ermüdend, da sie sich wiederholen und eigentlich nur ergänzende Anekdoten geliefert werden, aber gleichzeitig stellt man fest, wie gleich Sophia Loren sich geblieben ist. Oder wie gleich das Bild ist, das sie nach außen abgeben will. Sie gesteht ja ganz offen, dass es einen Kern gibt, den sie vor jedem verbirgt, dass sie allein für sich ein Tagebuch schreibt, das sie in einem jährlichen Ritual verbrennt. Nur in Bezug auf den immer abwesenden und unmöglichen Vater verzichtet sie inzwischen auf künstliche Gefühle. 1979 berichtete sie noch sehr emotional, wie sie bei seinem Tod seine Hand hielt und wie sie in Giuseppe, ihrem Halbbruder, einen Bruder gewann: „... er fiel mir gegen die Brust und begann zu weinen. Nun ließ auch ich meine Tränen fließen“ Und 2014? Sie guckt aus dem Fenster und zwingt sich erfolglos zu Gefühlen: „Ich versuchte, ebenfalls zu weinen, aber es gelang mir nicht.“ Die Tränen sind verschwunden. Die gönnt sie Riccardo Scicolone nicht mehr.

Geschrieben von Martin Abraham 
Externer Autor für www.italien-mag.de in der Kategorie italienisches Kino


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